Unsere Schule

Die Geschichte der Wittumschule

Vor dem Schulhausbau

Die ältesten Informationen über die Schulverhältnisse in Oberurbach haben wir aus dem Jahr 1654. Seit 1649 war die allgemeine Schulpflicht eingeführt, aber viele Kinder blieben dem Unterricht fern, weil sie auf dem Feld mitarbeiten oder durch Betteln zum Familienunterhalt beitragen mussten. Erst langsam stieg die Schülerzahl von 54 auf 240 zu Beginn des 18.Jahrhunderts, wodurch eine 2.Lehrerstelle notwendig wurde. Bis 1778 war das Schulhaus für ganz Urbach neben dem Rathaus von Oberurbach, das aber im Laufe des 18.Jahrhunderts zu klein wurde, so dass man in Unterurbach ein eigenes Schulhaus errichtete. Die Lehrer der damaligen Zeit dürfen mit Fug und Recht als bettelarm bezeichnet werden. So mussten die meisten von ihnen, neben vielerlei Pflichten, die mit ihrem Amt versehen waren (Messnerdienst, Waschen des Kirchengeräts, Orgelspieler, Gemeindeschreiber usw.), auch einen Nebenberuf ausüben.

Die Lehrer hatten auch die sächlichen Kosten des Schulbetriebs selbst zu tragen. Immer wieder war diese Tatsache Anlass für Streit. Die beiden Oberurbacher Schulmeister Spring und Hörger wollten von den Eltern ihrer Schulkinder sogenannte "Dintenkreuzer" einsammeln, die sich jährlich auf die Summe von 11 Gulden summieren sollten. Die Gemeindegremien wollten diesen Griff in den Geldbeutel der Bürger verhindern und verwehrten den Lehrern die Zustimmung dazu. Die Reaktion der beiden: "...Bewilligt uns nun der Löbl.GemeindeRath u. BürgerAusschuß diese Summe nicht, so sind wir genöthigt mit Abreichung der Dinten aufzuhören u. entweder den Schreibunterricht aus unserem Lectionsplan auszustreichen oder nur diejenigen Schüler schreiben zu lassen, welche ... Dinte mitbringen und uns um die anderen nicht zu bekümmern." Natürlich ließen die "löblichen" Gemeindegremien einen solchen Erpressungsversuch nicht durchgehen: „...habe ich...mir auszubitten, daß von nächsten Montag an entweder die Dinte ordentlich angeschafft oder die Sache sogleich dem Consistorium übergeben werde."

Immer wieder ging es im vorigen Jahrhundert um die Entlohnung der Schulmeister, ab 1851 wurden ihnen in Urbach auch Grundstücke zum Eigenanbau von Lebensmitteln überlassen. Die Unterrichtsinhalte begannen montags mit "Gesang und Gebet. Die Sonntags-Predigt wird examinirt ... Dictatschreiben, Leseübungen im Gesangbuch, ein Abschnitt aus der heil. Schrift wird gelesen, Rechnen an der Tafel, das zum Memorieren Aufgegebene wird recitirt und ein neues Pensum aufgegeben, Uebung im Correctschreiben, Uebung im Schönschreiben, Beispiele guter und böser Menschen, auswendigbuchstabiren, etwas aus der Welt der vaterländischen Geschichte oder der Geographie (nur das Nöthigste)..."

Nicht nur Prügelstrafe, sondern auch andere Maßnahmen sollten die Disziplin sichern. Pfarrer Steudel führte im Jahre 1833 ein "goldenes und ein schwarzes Buch" ein, "welche als Sitten-Register dienen sollen, (in die)... je am Schluß einer Woche in das goldene Buch diejenigen Schüler, welche sich durch Fleis und Wohlverhalten, in das schwarze aber diejenigen, welche sich durch Unfleis und Unsittlichkeit besonders ausgezeichnet haben, unter kurzer Anführung des Grundes (eingetragen werden) . Trotz der schlechten materiellen Lage mussten die Schulmeister auch noch für die Unterbringung ihrer Lehrgehilfen sorgen. Dass dieses Problem nicht immer zur Zufriedenheit gelöst wurde, zeigt ein Zitat aus einem Visitationsprotokoll des Jahres 1843.

Gehilfe Walker brachte vor, dass "...er in dem ihm von dem Knabenschulmeister Zehender angewiesenen Zimmer nicht aufrecht zu stehen im Stande sey..."Viele Verhaltensvorschriften des Pfarramts betraf diese Gehilfen. Es war ihnen zum Beispiel verboten, ohne besondere Ursache nach dem Nachtessen noch auszugehen oder ein Wirtshaus zu besuchen "theils aus Rücksicht auf die Gesundheit soll keiner nach dem Nachtessen baden." Sie mussten sich "auf Spaziergängen still und gesittet verhalten, ... regelmäßig am Sonntag in den Nachmittagsgottesdienst gehen, ... an folgenden Lehrgegenständen (beim Geistlichen) mit angestrengtem Fleisse teilnehmen: Pädagogik, Neues Testament, Naturlehre, Lateinisch, Weltgeschichte, christliche Sittenlehre und Schönschreiben." Ist es heute für Lehrer fast selbstverständlich, mehr als einmal pro Jahr in Urlaub zu fahren, so mussten die Urbacher Lehrer des 19.Jahrhunderts für jede zeitliche Abwesenheit vom Wohnort, selbst während der gesetzlichen Schulferien, vom Ortspfarrer Erlaubnis einholen. Dabei war genau anzugeben, "auf welche Weise ihre Dienst-Obliegenheiten in Kirche und Schule während ihrer Abwesenheit versehen werden." Nachzuweisen ist, dass das alte Schulhaus in Oberurbach ständig zu Beanstandungen Anlass gegeben hat. 1820 wurden umfangreiche Reparaturen vorgenommen, 1834 wurde das Haus umgebaut, um 2 neue Schulsäle zu gewinnen, was aber ganz offensichtlich auf Kosten der Größe der Lehrerwohnungen gegangen sein muss. Auch das Inventar war wohl in einem jämmerlichen Zustand. Als 1871 die Schulbehörde gegenüber den Gemeindegremien unbrauchbares Schulmobiliar (Subsellien) beanstandet haben, erklärten diese, "daß die Subsellien den Anforderungen vollauf genügen. Im übrigen glauben wir, daß es nicht auf die Subsellien, sondern auf tüchtige Lehrer ankommt."

 

Vor und nach dem 1.Weltkrieg

Ende der 80er-Jahre des 19.Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass das alte Oberurbacher Schulhaus nicht mehr brauchbar, ja sogar lebensgefährlich war. Der Dachstuhl sei ganz verschoben, die Decken seien schon mehrfach heruntergebrochen und im oberen Stockwerk gesprießt. Die Gemeindegremien kamen zu dem Schluss, dass weitere Reparaturen nur unnötige Kosten verursachen würden. So wurde ein Neubau in Angriff genommen, der vom Grundstück her auch Raum für Erweiterungen bieten sollte. Wie weitblickend man damals war, zeigt die Tatsache, dass auch mit dem vorläufig letzten Anbau an die Wittumschule im Jahre 2016 der vorhandene Erweiterungsraum noch längst nicht ausgeschöpft ist. 1893 wurde Richtfest gefeiert, 1894 der Schulbetrieb begonnen, die Baukosten betrugen 45.000 Mark.

Rektor war zur damaligen Zeit Josef Renz. Auch damals schon wurde auf Baustellen manchmal gepfuscht, im Jahre 1897 jedenfalls wiesen die "Veripsungen" in einigen Schulsälen bereits erhebliche Beschädigungen auf. Die Schülerzahlen stiegen weiter, im Jahr 1910 war der Platz für 341 Schüler schon nicht mehr ausreichend und die Schulaufsicht forderte die Gemeinde auf, eine 5.Schulklasse einzurichten, was angesichts der vorhandenen 4 Schulsäle nur provisorisch geschehen konnte. Noch 2 Jahre später drängelten sich 365 Mädchen und Jungen im Schulhaus und eine 6.Klasse war nötig. Nun war es an der Zeit, der Oberurbacher Schule einen ersten Anbau anzufügen, auch ein Lehrerwohnhaus wurde erstellt. So sind 4 weitere Schulsäle entstanden, eine Hausmeisterwohnung, ein "Schulbad" im "Souterrain" und 2 Unterlehrerzimmer unter dem Dach, wo auch ein Lehrmittel- und ein Konferenzzimmer untergebracht werden konnte.

Die Einweihung konnte am 30.04.1914 gefeiert werden, wenige Monate vor dem 1.Weltkrieg. Die entstandenen Kosten von 68.600 Mark sollten auf 50 Jahre finanziert werden. Die Tatsache, dass die Finanzierung auf eine solch lange Zeit angelegt war, widerlegt m.E. die mir gegenüber von älteren Urbacher Bürgern gemachte Aussage, der Anbau sei damals ausgeführt worden, weil gerade Geld da gewesen sei. Die Schulden waren in Folge der verheerenden Inflation in den 20er-Jahren relativ schnell abgetragen.

Nach wie vor war der Lehrerstand schlecht bezahlt. Noch 1914 mussten die Gemeindegremien diese wichtige eigentumsrechtliche Regelung treffen: "Die Lehrer dürfen den Inhalt des Schulabortes zur Düngung der Gärten verwenden; was sie nicht brauchen, ist dem Schuldiener zur freien Verfügung überlassen. Dieser ist für die rechtzeitige Leerung des Schülerabortes verantwortlich." Auch die Zäune an den Lehrergrundstücken waren immer wieder Grund für Verhandlungen zwischen Gemeinde und Lehrern. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1921: "Die Holz-Zäune der zur Dienstwohnung gehörigen Gärten sind morsch und teilweise zerbrochen. Neuherstellung bei den gegenwärtigen Holzpreisen wird abgelehnt..." Nach wie vor hatte der Ortspfarrer eine einflussreiche Stellung, jedoch begann nun die Lehrerschaft da und dort auch dagegen aufzumucken. So wollten die Lehrer zum "Gustav-Adolf-Fest" in Schorndorf am 7.9.1920 keinen Tag frei geben ("bei dem schon starken Verbrauch an Vakanztagen"), was den Pfarrer offensichtlich zu einer harschen Sonntagspredigt veranlasst hat, worauf der Lehrerrat eine Resolution verabschiedete, "daß Schulangelegenheiten nicht mehr von der Kanzel verkündigt werden."

Im Jahre 1924 hatte man sich dagegen zur Wehr zu setzen, dass der Pfarrer im Religionsunterricht überprüfte, ob die geistlichen Inhalte des Unterrichts der anderen Lehrer auch richtig sitzen, offensichtlich hat er die Schüler darüber genau abgehört.

Das Gesundheitsbewusstsein für die Kinder scheint bei vielen Dorfbewohnern nicht gerade ausgeprägt gewesen zu sein. Mehrere Dokumente belegen, dass die Reinlichkeit bei vielen zu wünschen übrig ließ, das 1914 eingerichtete Schülerbad wurde nur wenig genutzt. Auch eine Art Drogenproblem war wohl zu verzeichnen. 1927 fand eine schulärztliche Untersuchung statt, in deren Ergebnis unter anderem berichtet wird, dass das Mosttrinken unter den Schulkindern wohl ein wenig zurückgegangen sei.

Wieder herrschte Not in der Gemeinde. Im Oktober 1922 verlangte die Gemeindeverwaltung, dass höchstens noch 3 Schulnachmittage abgehalten werden sollten, um Heizmaterial zu sparen. 1930 stellte sich heraus, dass es in der Schule keine Rechenbücher gab. Moniert wurde bei dieser Gelegenheit auch der Zustand der Turnhalle. Das Verhältnis der Lehrer untereinander scheint nicht immer das Beste gewesen zu sein. 1922 ließ ein Lehrer namens Mast, der sich mehrfach wegen seiner Überlastung beklagt hatte, durch sein Dienstmädchen ausrichten, er komme nicht zur Lehrerkonferenz. Später ist immer wieder von abfälligen Bemerkungen in Protokollen die Rede. Schulleiter Kaltenbach wurde 1931 vorgeworfen, er würde seine Befugnisse überschreiten und Befehlston und schroffen Umgang pflegen. Hier musste gar Schulrat Bachteler schlichtend eingreifen. Nach wenigen Jahren der Konsolidierung begann ab dem Jahr 1930 wieder größte wirtschaftliche Not, die auch vor den öffentlichen Kassen nicht Halt machte. Lehrer wurden entlassen, weil es an Geld fehlte, im Jahr 1931 musste festgestellt werden, dass nachmittags nach 4 Uhr kein Unterricht mehr stattfinden konnte, weil es an Beleuchtung fehlte. Auch längst notwendige neue Schulmöbel konnten nicht mehr beschafft werden.

 

Nazidiktatur und 2.Weltkrieg

Bereits sehr kurze Zeit nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland war das Schulleben der Oberurbacher Schule in diese Richtung umgestaltet. Am 18.9.1933 konnte der Schulleiter "eine Übersicht über den nationalen Umschwung auf dem Gebiet der Schule" gegenüber dem Ortsschulrat geben. Schulrat Bachteler führte 1934 aus:

"...Durch einen Kursus letzten Sommer wurde Geschichte und Raum des Deutschen Volkes aufgezeigt, neue Lehrpläne und neue Lehrbücher werden folgen ... Der Ausfall des Unterrichts durch vaterländische Feiern wird reichlich aufgewogen, wenn gezeigt wird, was unserem Volk geschehen ist." Den Umfang, den die "vaterländischen Feiern" und ähnliches in Urbach einnahmen, soll ein Beispiel aus dem Jahr 1937 zeigen: - 20.4.: Führers Geburtstag - 18.9.: Tag des deutschen Volkstums - 16.11.: Tag der deutschen Hausmusik - dazu "Mitwirkung beim "Kartoffelkäferabwehrdienst", Altmaterialsammlung sowie "2 staatspolitische Filme", für das 7.Schuljahr gab es darüber hinaus im Winterhalbjahr wöchentlich eine Stunde "Luftschutzunterricht." Auch personell gab es einschneidende Änderungen. Ganz überraschend wurde 1934 der aus Schrozberg kommende Lehrer Karl Ganzenmüller dem ortsansässigen Bewerber Alber als Schulleiter vorgezogen. Eine Begründung dafür gab es nicht, Schulrat Bachteler bemerkte lediglich, dass es "im Zeitalter des Führerprinzips nicht angängig sei, an dieser von der Schulbehörde jedenfalls nicht ohne Grund vollzogenen Tatsache Kritik zu üben..." Bachteler bedankte sich bei gleicher Gelegenheit bei der Gemeindeverwaltung für die Anschaffung von 6 Hitlerbildern. Wie die Ortsgruppe der NSDAP in die Schule hineinregieren konnte, zeigt folgende Anmerkung: 1936 wurde die Lehrerin Anna Bäurle nach Murrhardt versetzt und Willi Bollinger kam aus Mittelbronn, weil der Bürgermeister und auch der NS-Ortsgruppenleiter Greiner festgestellt hatten, dass die Hitlerjugend in Oberurbach keinen Führer mehr hatte und Bäurles Versetzung "für einen Lehrer, der sich für Jugendführung eignet" verlangte. Im Juni 1937 wurde Pfarrer Horn die Erlaubnis zur Erteilung von Religionsunterricht entzogen, womit der Einfluss von Ortsgeistlichen auf die Schule endgültig beendet war. 1938 wurde auch in Oberurbach endlich das 8.Pflichtschuljahr eingeführt, was vorher lange durch die Bauern des Ortes verhindert worden ist. Schulrat Bachteler sicherte auch zu, dass die Landwirtschaft Rücksicht auf ihre Interessen erwarten durfte (z.B. kein Nachmittagsunterricht und wenig Hausaufgaben). Der beginnende Zweite Weltkrieg brachte vor allem in personeller Hinsicht einiges an Änderungen, da viele Lehrer zur Wehrmacht eingezogen wurden, andere wurden an Schulen versetzt, deren Versorgung überhaupt nicht mehr gewährleitstet war, so wurde Wilhelm Spieth 1941 nach Steinenberg abgeordnet. Der Krieg brachte aber auch materielle Not. Insbesondere konnten manche Schüler nur noch mit Holzschuhen versorgt werden, eine Unfallmeldung aus dem Sportunterricht belegt dies sehr deutlich, es gab auch Unterrichtsversäumnisse wegen fehlender Schuhe. In den späteren Kriegsjahren kam es durch Fliegeralarm immer wieder zum Abbruch des Unterrichts. Ein Schüler der unteren Klassen wurde dabei am 11.9.1944 verletzt. Er wollte das Schulhaus über den Nordausgang verlassen und blieb an einem Stein des Pflasters hängen, stürzte aufs Gesicht und trug eine blutende Wunde an der Wange davon. Am 20.4.1945, ein Tag bevor der Krieg für Urbach beendet war, wurde das Schulhaus zerstört. Wilhelm Spieth schreibt im Urbacher Ortsbuch, S.161:

"Im ersten Stock des Schulhauses in Oberurbach schlug an der Südwestecke ein Geschoss in den Saal, der mit ausgelagerten Waren einer Schorndorfer Firma bis an die Decke vollgestopft war. Auch einige Kannen mit explosiv-brennbarer Flüssigkeit befanden sich darunter. Diese entzündeten sich beim Einschlag und setzten den Saal und schließlich das Schulhaus in Brand. Feuer und Wassermassen zerstörten das Gebäude."

 

Die Zeit nach 1945

Die Nachkriegszeit begann in Urbach mit einem am letzten Kriegstag zerstörten Schulhaus, in dem nur noch 2 Schulräume notdürftig benutzbar waren. Die Oberurbacher Kinder mussten deswegen bis Oktober 1946 nach Unterurbach zur Schule gehen. Die dadurch beengten Verhältnisse kann man sich vorstellen: Auf die vorhandenen 600 Schüler kamen im März 1946 5 1/2 Lehrkräfte. Als das Oberurbacher Schulgebäude wieder benutzbar war, waren dort auch eine Reihe Flüchtlingsfamilien untergebracht. 7 Lehrkräfte unterrichteten 432 Schüler, unter denen auch 92 Flüchtlingskinder waren. Helmut Willmer, damals 31 Jahre alt, wurde zum ersten Schulleiter der Nachkriegszeit.

Die Räume waren noch lange nicht richtig fertig, es fehlte Beleuchtung und Heizmaterial, zudem war die durchschnittliche Schülerzahl von 72 pro Lehrkraft auch für die damaligen Verhältnisse untragbar. Mobiliar war durch Flüchtlingsfamilien "verschleppt" worden, die auch versuchten, im Dachgeschoss Kleintiere zu züchten, um ihre Ernährungssituation zu verbessern. So musste im Schichtbetrieb unterrichtet werden.

Erst am 10.6.1949 konnten alle 8 Schulräume wieder zweckentsprechend genutzt werden, während auf dem Dachboden aber noch mehrere Jahre lang Flüchtlingsfamilien verblieben. Es musste viel mit Aushilfskräften unterrichtet werden. Nicht immer genügten diese den Anforderungen. Das Protokoll des Ortsschulrates vermerkt unter dem 28.4.1947: "Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass es besser wäre, wenn gar kein hauswirtschaftlicher Unterricht erteilt würde als in der seitherigen Weise."

Dennoch ging es ab 1948 wieder deutlich aufwärts. Routinierte Lehrer wie Wilhelm Spieth konnten ihren Dienst wieder aufnehmen, aber auch junge tatkräftige wie der spätere Konrektor Walter Ziesel kamen neu an die Schule. So konnte Willmer 1948 melden: "Wir haben jetzt erstmals für jedes Schuljahr eine Lehrkraft." Da jedoch nicht für jede Klasse ein eigener Raum da war, gab es weiter Schichtbetrieb. Auch in den kleinen Dingen des Schulbedarfes blieben noch lange viele Wünsche offen. Die gute alte Schiefertafel war ein "rarer Artikel", die Kinder mussten auf Papptafeln schreiben.

1950 wurde die Schule in Oberurbach von Schulrat Bullinger als "zu den besten des Bezirkes gehörend" geschildert. Noch einmal waren die hygienischen Verhältnisse der damaligen Zeit einschneidend für die Schule: im November 1951 war sie wegen "Maul- und Klauenseuche" geschlossen.

Danach ging es stetig aufwärts: 1952 wurde die Schulküche eingeweiht, 1954/55 ein Werkraum. Die Notzeiten waren überwunden, die Schule war wieder das, was sie vor der Nazizeit gewesen ist.

Seit 1959 gab es an der Wittumschule einen Konrektor, 29 Jahre lang, bis zu seinem Ruhestand 1988, wurde diese Stelle von Walter Ziesel besetzt. Sein Nachfolger, Michael Seiz, hielt diese Stellung von 1988 bis 2018 insgesamt noch ein Jahr länger.

Die Klagen über Schulschwierigkeiten von Kindern nahmen in dieser Zeit zu, und es lässt sich nachweisen, dass langsam aber sicher die Methoden, ihnen zu begegnen, einem grundlegenden Wandel unterworfen waren. 1954 riet man noch von Seiten der Erziehungsberatungsstelle den Eltern eines Schülers, der durch Zornesausbrüche und Ablenkbarkeit aufgefallen war, ihrem Sohn regelmäßige Lebertrangaben zu verabreichen. Zu dieser Zeit schickte Schulrat Häckh einen Schüler mit „ungeordneter Schrift“ wegen „Verdacht auf Fehlentwicklung“ in die Erziehungsberatungsstelle, die dann den Jungen, der später Arzt werden sollte, untersucht hat. Ihm wurde dann bescheinigt, er sei „sehr lebhaft, unbekümmert, kontaktfreudig und überdurchschnittlich begabt.“

1959 tauchte erstmals das Wort „Fernsehen“ in den Akten der Wittumschule auf. Bei der Hauptprüfung der Schule 1960 warnte Schulrat Häckh „vor zwei Dingen, die der Schule viel zu schaffen machen: Kino und Fernsehen mit Darbietungen, die häufig von den Schulkindern gar nicht oder nur halb verstanden und verarbeitet werden können.“

In der Folgezeit zeigte es sich, dass das bestehende Schulgebäude bald nicht mehr ausreichen würde. Nach 7-jähriger Planungszeit konnte man sich an den Bau eines neuen Schulhauses mit 8 Klassenräumen machen, der heutige Mittelbau, der im April 1964 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass binnen kurzer Zeit noch weiterer Schulraum benötigt werden würde, denn 1966 wurde mit der „Hauptschule“ ein neuer Schultyp eingeführt und die benachbarte Atriumschule nur noch als reine Grundschule geführt. Ähnlich wie Jahrzehnte später bei der Gemeinschaftsschule war Urbach auch bei der Hauptschule eine Vorreitergemeinde.

1971 trat Rektor Spieth in den Ruhestand, sein Nachfolger wurde Friedrich Frey. Die Schulraumnot nahm wieder zu, so dass ein weiterer Gebäudeteil mit 3 Klassenräumen südlich an den Mittelbau angeschlossen worden ist.

Als „schwierig“ angesehene Kinder wurden nun häufiger, schulpolitisch begann aber eine Reihe relativ ruhiger Jahre. 1981 hatte die Schule 426 Schüler, davon 57 mit ausländischen Wurzeln.

1986 wurde mit Jürgen Busch ein neuer Rektor berufen, der die Wittumschule in über 30 Jahren seines Wirkens in die Zukunft führte. In seiner Amtszeit wurde die Schule sowohl personell als auch methodisch entscheidend weiterentwickelt. Einen Schritt nach dem anderen, nicht überstürzt, ging der Weg in Richtung „ganzes Individuum“ und größerer individueller Betrachtung und Förderung der einzelnen Schüler/innen. Augenfällig wurde dies im Leitbild der Schule, das unter dem Motto stand: „Alle sind uns wichtig, dafür arbeiten wir gemeinsam“.

Zeitgemäße Arbeitsformen, kollegialer Führungsstil, kooperative Unterrichtsplanung sowie eine planmäßige und verstärkte Kommunikation mit den Eltern flankierten die veränderten Zielsetzungen der Wittumschule. Projekte mit außerschulischen Partnern, nicht zuletzt für Hilfen bei der Berufswahl, aber auch im künstlerischen und musischen Bereich, gewannen mehr an Bedeutung

Im Jahr 1993 gelang es, ein großes, 2 Tage dauerndes Jubiläumsfest zum 100-jährigen Bestehen der Schule durchzuführen. Ein großes Festzelt stand dazu auf dem Schulhof, und dies wurde durch eine zwar einfache, aber durchschlagend erfolgreiche Idee am Abend des ersten Festtages brechend voll: Die ehemaligen Schüler/innen trafen sich jahrgangsweise an vorher festgelegten Tischen. So waren alle Jahrgänge, von denen noch Vertreter am Leben waren, bei diesem Fest präsent. Ein spektakuläres Programm, das von den Jahrgängen gestaltet wurde, machte dieses Fest zu einem unvergesslichen Erlebnis.

1994 wurde der nächste Anbau fertiggestellt, der sogenannte „Westbau“ mit 6 neuen Klassenzimmern. Im Unterschied zu den älteren Bauten bekam er eine Metallhülle, Architekt Bloss nannte das Gebäude den „Silbervogel“. Auch hier hat es eine Weile gedauert, bis der Gemeinderat einer größeren Lösung zugestimmt hatte, die Folgezeit machte aber deutlich, dass dies die einzig richtige Entscheidung war. Nun war die Not an Klassenräumen für längere Zeit beseitigt. Wenn es dann in manchen Jahren dennoch mehr Klassen als Klassenräume gab, so konnten Fachräume zeitweise zu Klassenzimmern umgewidmet werden.

Die Einführung der Werkrealschule in den neunziger Jahren brachte zum ersten Mal die Möglichkeit für die Schüler/innen aus Urbach, am Wohnort die Mittlere Reife abzulegen. Zunächst wurden diejenigen in die 10.Klasse aufgenommen, die in den entscheidenden Fächern im Hauptschulabschluss den Durchschnitt von 2,4 oder besser erreicht hatten. In den meisten Jahren besuchten auch viele gute Schüler von der Hohbergschule Plüderhausen diesen Schulzweig in Urbach. Durch die hohe Einstiegshürde gab es in den ersten ca. 20 Jahren dieser Schulform an der Wittumschule nur 3 Schüler/innen, die diesen Abschluss nicht geschafft haben. Die Möglichkeiten derjenigen, die mit diesem Abschluss die Schule verließen, waren gut. Eine ganze Reihe strebte danach noch höhere Abschlüsse im beruflichen Schulsystem an, andere gingen in attraktive Lehrstellen. Viele Betriebe aus Urbach und Umgebung haben rasch erkannt, dass erfolgreiche Werkrealschüler/innen hochmotiviert und gut auszubilden waren.

Eine Änderung ergab sich dadurch, dass ab 2012 sich jede/r in die 10.Klasse anmelden konnte, der den Hauptschulabschluss, mit welchem Zeugnis auch immer, bestanden hatte. Die Durchfallquote ist dadurch etwas größer geworden, die Spitzenleistungen gab es aber auch danach immer noch.

Nach einigem Hin und Her wurde die Wittumschule zu einer „Offenen Ganztagesschule“. Die Gemeinde wollte diese Möglichkeit aus nachvollziehbaren Kostengründen zunächst in der Atriumschule schaffen, dort jedoch wollte die Lehrerschaft nicht viel davon wissen. Diese Vorlage nahm man an der Wittumschule dankend an. Das hieß nun, dass Eltern aller Jahrgangsstufen ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit hatten, ihre Kinder bei Bedarf den ganzen Tag in der Schule betreuen zu lassen. Die sehr flexible Regelung sah vor, dass an allen 5 Schultagen eine Betreuung von maximal 10 Stunden (von 7-17 Uhr) gewählt werden konnte, wobei die Zeit von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr kostenfrei war. Darüber hinaus war es aber auch möglich, für den Ganztagesbetrieb nur einzelne Tage auszuwählen, entsprechend dem Bedarf von berufstätigen Eltern.

Zu diesem Zweck investierte die Gemeinde Urbach als Schulträger wieder ordentlich Geld, um einen Anbau an den Westbau zu schaffen, der eine Mensa mit 60 Plätzen und im 1.Stock mehrere Räume für den Ganztagesbetrieb enthielt, alle Teile wurden sehr gut ausgestattet, auch für die Schulhöfe wurde Geld ausgegeben. Nicht zu vergessen auch, dass 4 Arbeitsstellen, 3 davon in Teilzeit, für die Ganztagesbetreuung geschaffen worden sind, dazu kam noch eine Sozialarbeiterin mit einer halben Stelle – Frau Randecker, die viel Verantwortung dafür trägt, dass die Wittumschule auch mit teilweise herausfordernden Schülerinnen und Schülern gut umgehen kann.

Viel Geld musste die Gemeinde Urbach in ihre Schulgebäude stecken, um den Forderungen des sogenannten „Brandschutzes“ zu genügen. Was im Grunde eine sinnvolle Sache ist, wurde aber von „Brandschutzsachverständigen“ so überzogen, dass dabei Belange der Pädagogik und des Gesundheitsschutzes unter den Tisch fallen mussten. Neben weiteren Rettungs- und Fluchtwegen, stark verbesserter Alarmierung und einer Brandmeldeanlage wurde z.B. auch verlangt, dass kleinformatige Schülerzeichnungen aus Fluren entfernt werden (sie seien eine „Brandlast“) oder Anoraks der Schüler im Klassenzimmer aufgehängt werden. Da Letzteres stark mit der Seuchenprävention kollidierte, was anhand von Vorfällen in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen werden konnte, wurde dieser Schildbürgerstreich mit einem Kompromiss noch abgewendet.

Dass die Vorstellungen dieser „Experten“ an den Realitäten vorbeigingen zeigte sich auch in den Vorschlägen für eine „Brandschutzordnung“, nach der z.B. Lehrkräfte im Brandfall feuchte Tücher unter die Türe legen oder Neugierige vertreiben sollten. Wie das von den Lehrkräften bewerkstelligt werden konnte, die doch in erster Linie in einer solchen Situation höchst gefährdete Kinder in Sicherheit bringen müssen, blieb im Ungefähren. Auch diese Kapriolen konnten letztlich abgewendet werden.

Um die Jahrtausendwende bekamen die inneren Umbauarbeiten in der Sekundarstufe immer klarere Konturen. Mit fächerverbindendem und jahrgangsgemischtem Lernen begab sich die Wittumschule auf den Weg in Richtung einer Gemeinschaftsschule, bei der nicht nur an Defiziten der einzelnen Schüler/innen gearbeitet werden soll, sondern insbesondere auch die Stärken des Einzelnen eine große Rolle spielen. Dazu wurde das schulinterne System des Berufswahlunterrichts auf ein neues Fundament gestellt, ein ab Klasse 5 verbindliches und durchgängiges Verfahren und die Einbeziehung von Ausbildungspartnern wie den Firmen Dungs und Vossloh-Schwabe, ein mehrtägiges „Bewerbungstrainingscamp“ außerhalb der Schule, „Azubi-Paten“ für Schüler/innen, die individuelle Unterstützung benötigen und noch viele andere Einzelmaßnahmen verdichteten und verbesserten das Programm der Schule.

Auszeichnungen und Anerkennungen waren die Folge. So gewann die Wittumschule im Jahr 2009 einen Landespreis beim Wettbewerb „Starke Schule, Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“ der Bertelsmann-Stiftung.

Bereits drei Mal wurde der Wittumschule durch die IHK das Berufswahlsiegel „BORIS“ verliehen, für das eine Schule das gesamte System des Berufswahlunterrichts auf den Prüfstand stellen muss.

Stolz war man 2013 auf die Spitzenwertung, die das Landesinstitut für Schulentwicklung bei der „Fremdevaluation“ für die Wittumschule feststellen konnte.

Mit dem Regierungswechsel 2011 veränderte sich die Schullandschaft in einem für Urbach entscheidendem Maße. Möglich wurden jetzt sogenannte „Gemeinschaftsschulen“, an denen alle Niveaustufen unterrichtet und gefördert werden, wo also seitherige Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler zusammen auf ihrer jeweiligen Niveaustufe lernen und gefördert werden. Diese Schulart war ideal zur Weiterentwicklung des bereits bestehenden Schulprofils, und das Lehrerteam unter der Leitung von Rektor Jürgen Busch war schnell und einstimmig der Meinung, dass dies die bestmögliche Schulart für Urbach sei. Auch der Gemeinderat und die Schulkonferenz konnten sich diesem Gedanken einstimmig anschließen, und so wurde der Antrag gestellt, zu dem ein ausdifferenziertes pädagogisches Konzept, eine Raumplanung und die Aussicht auf eine für jeweils 2 Parallelklassen ausreichende Schülerzahl gehörte. Alle Beteiligten wirkten zusammen, insbesondere war der Grundsatzbeschluss des Gemeinderates, für neue Naturräume einen siebenstelligen Betrag auszugeben, für die letztliche Genehmigung sehr wichtig.

Selbstverständlich war diese einmütige Zustimmung aller Gremien absolut nicht, denn aus der Politik, insbesondere von den damaligen Oppositionsparteien CDU und FDP, kam erheblicher Gegenwind. Ohne nach Hintergrundwissen zu fragen oder gar eine solche Schule besucht zu haben, wussten viele Politiker, dass diese Schulart gar nicht funktionieren könne, weil so unterschiedliche Begabungen auf keinen Fall erfolgreich zusammen unterrichtet werden könnten.

Es spricht für die bisherige Arbeit der Schule, dass viele Eltern entgegen dieser politischen Strömung der Wittumschule das Vertrauen aussprachen und ihre Kinder an der Urbacher Gemeinschaftsschule anmeldeten. Da es bestens funktionierte, war man zu Beginn des vierten Jahres, im Sommer 2017, bereits nahe an der Kapazitätsgrenze angelangt. 54 Anmeldungen in Klasse 5 des Schuljahres 2017/2018 bedeuteten volle Klassenräume und gleichzeitig auch die höchste Anmeldezahl im gesamten Rems-Murr-Kreis. Schulträger und Lehrerschaft waren gleichermaßen stolz auf den großen Erfolg der Wittumschule.

Mit einem großen Fest wurde dann Anfang Oktober im Osten des Schulgeländes ein Anbau eingeweiht, der 2 zeitgemäß eingerichtete Naturräume samt Vorbereitungszimmern sowie einen weiteren Gruppenraum enthielt.

Die Digitalisierung der Schule wurde schrittweise ausgebaut, die Vernetzung umfasste bald das gesamte Schulgelände. In den Räumen der Sekundarstufe wurden nach und nach die alten Schultafeln abgebaut und dafür sogenannte Smartboards installiert, große steuerbare Bildschirme, die im Prinzip funktionieren wie riesige Smartphones. Dazu wurde in jedem Klassenraum eine ausreichende Anzahl an vernetzten Laptops für die Schülerarbeit zur Verfügung gestellt.

Damit waren alle Voraussetzungen an eine moderne, digital vernetzte Schule erfüllt. Als andere Kommunen noch lautstark nach Hilfen für den digitalen Ausbau ihrer Schulen riefen, waren in Urbach schon längst Fakten geschaffen, hat der Schulträger mit Weitblick die Möglichkeiten dafür geschaffen, dass das Lehrerteam der Wittumschule eine optimale Umsetzung der Gemeinschaftsschule bewerkstelligen kann.

2017 ist dann Jürgen Busch, mehr als 30 Jahre lang die vorwärts treibende Kraft in der positiven Entwicklung der Wittumschule, in den Ruhestand getreten. Bei seiner Verabschiedung konnte man erkennen, wie tief die Eindrücke sind, die er an der Schule hinterlassen hat.

Ihm folgte nahtlos als neuer Schulleiter Matthias Rieger.

Autor: Michael Seiz, Stand: Januar 2018